Vermeidbare Unfälle
Der Unfall meines Kollegen, den ich im letzten Artikel geschildert habe, war Anlaß zu folgenden Gedanken:
Unfälle geschehen immer wieder. Wobei ich nicht unbedingt Verkehrsunfälle meine, sondern Unfälle wie sie jedem von uns im normalen Tagesablauf, bei der beruflichen Arbeit, bei der privaten Arbeit im Haushalt oder im Garten, bei Hobbys, beim Sport usw., usw. immer wieder mal geschehen.
Fast alle diese Unfälle haben eins gemeinsam: Wenn man sie hinterher genüßlich Punkt für Punkt, Bewegung für Bewegung auseinander nimmt wird man ohne weiteres feststellen das sie problemlos vermeidbar gewesen wären.
Normalweise wird das jedem "Verunfallten" sehr schnell selbst klar. Er wird sich selbst dafür verfluchen das er nicht aufgepasst hat, das er etwas so und nicht anders getan hat, oder es überhaupt getan und nicht anderen überlassen hat, usw.!
Aber es gibt auch Leute die für genau diese Überlegungen bezahlt werden. Auf größeren Wer- ken z. B. gibt es Abteilungen die sich nur mit dem Schutz vor Unfällen, und der Abwicklung der leider geschehenden Unfälle befassen. Sie sorgen unter anderem auch dafür das jedem Mit- arbeiter die möglichst beste Schutzausrüstung zur Verfügung steht und... ...das er sie auch benutzt.
Das Letztgenannte stellen sie durch Kontrollgänge im Betrieb sicher. Sicherheitskonform per- fekt ausgestattet streifen sie durch die Hallen und stellen jeden Mitarbeiter der nicht ebenso perfekt ausgestattet ist zur Rede. Wobei sie sich gleich von Anfang an ziemlich drastisch aus- drücken, so dass sich der gemaßregelte Kollege ziemlich unangenehm an seine Schulzeit erinnert fühlt.
Fündig werden sie immer. Wer im Hochsommer einen dicken, steifen, feuertesten Arbeitsanzug, bestehend aus Hose, langärmeligem Hemd und Jacke tragen muß ist immer versucht dem dro- hendem Hitzschlag zu entgehen indem er etwa die Jacke auszieht, oder gar die Ärmel des Hem- des aufkrempelt. Wer sehen möchte was er gerade tut, setzt auch schon mal die ewig beschla- gende, schon nach kurzem Gebrauch verkratze und verstaubte Schutzbrille ab. Und wer hören möchte was um ihn herum vorgeht nimmt auch schon mal den Gehörschutz aus den Ohren. Eine wahre Fundgrube für die Herren von der Unfallschutz-Abteilung.
Ist trotz aller vorbeugenden Maßnahmen und Kontrollen doch mal ein Unfall geschehen wird der sehr sorgfältig untersucht. Etwas was sekundenschnell im Arbeitsprozess passiert ist, wird nun in aller Ruhe im gemütlichem Büro "auseinander genommen". Wobei es in den allermeisten Fällen nicht schwer fällt dem Mitarbeiter nachzuweisen dass er sich falsch verhalten hat, und es sich somit um einen verhaltensorientierten, vermeidbaren Unfall handelt. Sobald der Mitarbeiter seine Arbeit wieder aufgenommen hat wird er zu einem klärendem Gespräch herbei zitiert, in dem er über sein Fehlverhalten informiert und zu künftiger Unterlassung ermahnt wird. Recht- fertigungsversuche der Mitarbeiter werden, da schon oft und immer wieder gehört, routiniert abgewiesen.
Den Kollegen von der Unfallschutzabteilung ist sicher nichts vorzuwerfen. Das was sie tun ist nun mal ihre Aufgabe und wenn sie die gewissenhaft durchführen ist das aller Ehren wert. Ob- wohl man sich manchmal doch ein wenig mehr Verständnis für die "normalen" Mitarbeiter wün- schen würde. Wie schon gesagt, das Thema Unfallschutz ist ihre Aufgabe, und zwar ihre Haupt- aufgabe auf die sie sich voll und ganz konzentrieren können.
Die "normalen" Arbeiter haben dagegen ein Problem. Natürlich haben sie kein Interesse daran einen Unfall zu erleiden und geben sich auch Mühe das zu verhindern. Allerdings ist der Unfall- schutz, so wichtig er auch sein mag, für sie nur eine Nebensache. Da gibt es nämlich noch je- manden der Ansprüche an sie stellt, nämlich der jeweilige Arbeitgeber. Da er jeden Monat eine gewisse Summe auf das Konto der Mitarbeiter überweist, verlangt er berechtigter Weise dafür das Erbringen einer Leistung. Das Bedienen einer Maschine oder Anlage, deren Instandhal- tung und Wartung, Verwaltungsaufgaben und was sonst noch dazu dient die Dividende der Aktionäre zu erhöhen. Wobei ein gewisser Wert darauf gelegt wird, das der jeweilige Mitarbeiter bei seiner Tätigkeit möglichst produktiv ist.
Dazu muß sich dieser Mitarbeiter natürlich konzentriert seiner Aufgabe widmen. Fehler durch Unaufmerksamkeit können hohe Unkosten verursachen. Was ihm dann Ärger und Unannehm- lichkeiten von anderer Seite eintragen würde. Das versucht er natürlich nach besten Kräften zu vermeiden. Und da nun mal jeder Mensch nur einen einzigen Kopf hat, und dieser leider nur in sehr geringem Maß multitasking-fähig ist, kommt es schon mal dazu dass dieser Mensch, durch seine Aufgabe abgelenkt, nicht auf seine Umwelt achtet, eine unbedachte Bewegung ausführt oder ähnliche Unaufmerksamkeiten begeht. Und schon ist der Unfall passiert.
Ein Unfall der vermeidbar gewesen wäre, wenn er sich eben nicht voll und ganz auf seine Arbeit sondern auf den Unfallschutz konzentriert hätte.
Natürlich geschehen auch Unfälle durch Dummheit, Faulheit usw.! Aber es wäre wünschens- wert wenn die Herren vom Unfallschutz nicht jeden Unfall gleich in diese Schublade schieben würden, Verständnis für die besondere Situation der Mitarbeiter aufbringen würden und sich Gedanken darüber machen würden wie man auch Mitarbieter die durch ihre Hauptaufgabe abgelenkt sind besser schützen kann.
Mein Kollege, um wieder darauf zurückzukommen, wollte die elektrische Anschlüsse an einem Motor abklemmen. Dieser Motor befand sich ziemlich weit unten. Voll und ganz auf seine Arbeit konzentriert, setzte er sich, um an die Anschlüsse zu gelangen. Als er bemerkte das sein Sitz- platz noch heiß war, und bis er sich wieder hoch gerappelt hatte war der Unfall schon passiert, er hatte sich eine schlimme Verbrennung zugezogen. Auch dieser Unfall wäre vermeidbar ge- wesen... ...wenn der Kollege sich halt nicht voll und ganz auf seine Aufgabe konzentriert hätte!